Hildesheim. Mit einem besonderen Gottesdienst hat sich die St. Andreas-Gemeinde einem Thema gestellt, das lange verdrängt und verschwiegen wurde: sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext. Pastorin Carola Bachstein setzte damit in der Passionszeit ein deutliches Zeichen für Transparenz, Verantwortung und eine Kultur des Hinschauens.
Im Gespräch erläutert sie, warum es wichtig ist, dieses schmerzhafte Thema nicht auszublenden, welche Hoffnungen sie mit dem Gottesdienst verbindet und was sich konkret verändern muss, damit Kirche zu einem sicheren Ort für Betroffene werden kann.
1. Ein solches Thema im Kirchenraum anzusprechen, erfordert Mut. Gab es Widerstände – und was hat Sie dennoch bestärkt?
Natürlich spüre ich Zurückhaltung bei den Menschen; manche haben mir z.B. gesagt, dass sie bewusst zu diesem Thema nicht zum Gottesdienst kommen möchten, weil es ihnen zu nahe geht oder sie sich unter Generalverdacht gestellt fühlen. Sexualisierte Gewalt im Gottesdienst zu thematisieren, irritiert – gerade im Kirchenraum, der für viele ein Schutzort sein soll. Aber Schweigen schützt oft die Falschen. Mich bestärkt die Überzeugung, dass Nachfolge Christi heißt, nicht wegzusehen. In der Passionszeit schauen wir auf Christus, der selbst Gewalt erfahren hat. Gerade deshalb dürfen wir das Leid von Betroffenen nicht ausblenden. Und ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie schnell man schweigt und verdrängt. Ich habe selbst sexualisierte Grenzverletzungen erlebt – nicht körperlich, aber verbal. Subjektiv war das schlimm genug. Dieses Schweigen im Nachhinein zu reflektieren, hat mir gezeigt: Genau hier verstärkt sich das Problem. Deshalb will ich dazu beitragen, dass Schweigen durchbrochen wird.
2. Was wünschen Sie sich, dass die Gemeinde nach diesem Gottesdienst mitnimmt – im Herzen, im Denken, im Handeln?
Ich wünsche mir dreierlei: Im Herzen: Mitgefühl und Ernsthaftigkeit gegenüber denen, die Gewalt erfahren haben.
Im Denken: Die Einsicht, dass Aufarbeitung und Prävention mühsam sind – aber unverzichtbar. Es geht nicht um ein schnelles „Wir bitten um Vergebung“, sondern um eine Kulturveränderung. Im Handeln: Die klare Bereitschaft, hinzusehen, an Schulungen teilzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und Strukturen so zu gestalten, dass Täter:innen es schwer haben – und Betroffene Schutz finden.
Es beschämt mich, dass selbst in Gremien zur Aufarbeitung zuletzt wieder Verwerfungen geschehen und Verantwortliche ihre Ämter niedergelegt haben. Das Miteinander dort ist bestimmt extrem komplex, das verstehe ich. Aber dennoch: Das macht mich ratlos. Gerade dort erwarten wir besondere Sensibilität. Vielleicht zeigt das aber auch, wie tief wir als Institution lernen müssen. Prävention ist kein Projekt, sondern ein langer Prozess der Umkehr und des Umdenkens.
3. Wie kann Kirche ein sicherer Raum sein – nicht nur im Gebet, sondern ganz konkret für Betroffene sexualisierter Gewalt?
Da habe ich keine originelle Antwort: Kirche kann dadurch sicherer werden, dass sie transparent handelt. Das bedeutet: Schutzkonzepte für alle ernst nehmen, Schulungen weiter entwickeln, auch dort hinsehen, wo im Zuge der Schulungen Menschen sich an eigene Gewalterfahrungen erinnern. Auch diejenigen, die bisher aus prinzipiellen Gründen noch keine Schulung gemacht haben, möchte ich ermutigen, an einer teilzunehmen. So werden wir alle aufmerksamer und sensibler. So haben Täter:innen weniger Chancen.
Dann: Klare Meldewege schaffen, wenn doch sexualierte Gewalt passiert. Verantwortung nicht verwischen. Den Betroffenen glauben. Täter:innen konsequent Grenzen setzen. Und Macht so strukturieren, dass sie kontrollierbar bleibt, überhaupt: Macht nicht verschleiern oder so tun, als gäbe es keine Macht in der Kirche, es gibt immer welche – und sei sie symbolisch oder ergibt sich rein praktisch. Ein sicherer Raum entsteht, wo Wahrheit wichtiger ist als Image – und wo Menschen spüren: Hier wird mein Leid nicht relativiert, hier wird mir zugehört.
Interview: Heribert Schlensok