Fotos vom Herbst des Lebens

Nachricht Hildesheim, 14. April 2026

Veranstaltungsreihe in der Lambertikirche

Foto: Heribert Schlensok

Was bleibt von mir, was macht mich aus? In der Ausstellung „PASSAGE – Die Dinge. Das Leben“ werden Besucherinnen und Besucher auch angeregt, über die Frage nachzudenken, welcher Gegenstand für ihr Leben sprechen könnte. 

Die Ausstellung im hellen Kirchenraum zeigt 30 Porträts des Braunschweiger Fotografen Klaus G. Kohn. Die Menschen sind jeweils mit einem Gegenstand dargestellt, der eine besondere Bedeutung für ihre Lebensgeschichte hat. Es geht um Erinnerung, Identität und biografische Wendepunkte.

„Alle gewählten Requisiten sind mit prägenden Erlebnissen verbunden“, erläutert Kohn. So werden Fragen aufgeworfen, die viele betreffen: Was prägt unser Leben? Was würde ich in meiner Hand halten?

Vielfältige Perspektiven auf das Älterwerden

Begleitet wird die Ausstellung von einer Veranstaltungsreihe, die unterschiedliche Zugänge zu Themen wie Altern, Einsamkeit, Erinnerung und Begegnung eröffnet. Lesungen, Gespräche, Führungen und ein musikalischer Abend laden dazu ein, sich aktiv einzubringen oder einfach zuzuhören.

Dr. Dagmar Henze, Referentin für eine alternde Gesellschaft, sagt dazu: „Kaum ein Thema ist so vielschichtig wie das Älterwerden – zwischen Erwartungen, Ängsten und erfüllenden Momenten. Die Ausstellung macht die Individualität älterer Menschen sichtbar und hilft, stereotype Bilder zu überwinden.“

Ein besonderer Fokus liegt auf dem Thema Einsamkeit und der Frage, wie neue Formen von Begegnung entstehen können.

Termine in St. Lamberti Hildesheim:

  • 26.04., 17 Uhr: Vernissage mit Andacht und Einführung durch Klaus G. Kohn und Prof. Wilfried Köpke
  • 28.04., 19 Uhr: Lesung mit Helga Schubert „Luft zum Leben“ (Eintritt 8 Euro)
  • 02.05., 10:30 Uhr: Kurzimpuls mit Dr. Dagmar Henze „Bilder vom Älterwerden“
  • 09.05. und 16.05., 10:30 Uhr: Führungen durch die Ausstellung mit Klaus G. Kohn
  • 13.05., 18 Uhr: Musikalischer Abend mit Fritz Baltruweit und Valentin Brand
  • 20.05., 17:30 Uhr: Info- und Gesprächsabend „Wenn Einsamkeit den Tag bestimmt“
  • 24.05., 10 Uhr: Pfingstgottesdienst und Finissage

Die Ausstellung läuft bis zum 24.05.2026 und ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Einsamkeit – zwischen Schmerz und Chance

Interview mit Dr. Dagmar Henze und Pastor Klaus-Daniel Serke

Einsamkeit betrifft viele Menschen – und sie ist längst mehr als ein individuelles Gefühl. Sie gilt als gesellschaftliche Herausforderung, besonders im Alter. Doch was genau bedeutet Einsamkeit? Und kann sie auch eine Chance sein?

Die Theologin Dr. Dagmar Henze arbeitet als Referentin für das Thema „Alternde Gesellschaft“ bei der Evangelischen Agentur der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Pastor Klaus-Daniel Serke war viele Jahre als Seelsorger tätig und arbeitet als Koordinator für Altenseelsorge im Ev.-luth. Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt. Beide beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie Menschen in Verbindung bleiben – oder wieder zueinanderfinden.

Seit Corona wird viel über Einsamkeit gesprochen. Was genau ist damit gemeint?

Henze: Einsamkeit ist ein subjektives, oft schmerzhaftes Gefühl. Es entsteht, wenn die eigenen Beziehungen nicht den Bedürfnissen entsprechen – entweder quantitativ oder qualitativ.

Serke: Wichtig ist die Abgrenzung: Alleinsein kann auch etwas Positives sein. Einsamkeit dagegen fühlt sich unfreiwillig und belastend an.

Kann man sich auch mitten unter Menschen einsam fühlen?

Henze: Ja, absolut. (Pastor Serke nickt.)

Viele ältere Menschen erleben Verluste und Rückzug. Wird aus Stille automatisch Einsamkeit?

Serke: Nicht automatisch. Aber das Risiko steigt. Kontakte werden weniger – durch eingeschränkte Mobilität, Krankheit oder den Verlust von Partnern und Freunden.

Henze: Das beobachte ich ganz ähnlich. Der Alltag wird stiller, Routinen brechen weg. Entscheidend ist, ob neue Verbindungen entstehen können oder nicht.

Kann Einsamkeit auch etwas „Gutes“ haben?

Henze: Als Gefühl hat sie durchaus eine Funktion. So wie Hunger uns zum Essen motiviert, regt Einsamkeit dazu an, wieder in Kontakt zu gehen – neue Beziehungen zu knüpfen oder bestehende zu vertiefen. Für ältere Menschen ist das oft schwieriger: Der Radius wird kleiner, vertraute Menschen fehlen. Deshalb sind niedrigschwellige Treffpunkte und aufsuchende Angebote besonders wichtig.

Serke: Gleichzeitig kann Alleinsein, wenn es gelingt, auch eine Quelle von Ruhe und Klarheit sein. Manche Menschen schöpfen daraus Kraft – gerade wenn sie auf ihre Lebenserfahrungen zurückgreifen können.

Braucht jeder Mensch ein Mindestmaß an Nähe, um gesund zu bleiben?

Henze: Ja. Auf Dauer macht Einsamkeit krank. Deshalb brauchen wir gesellschaftliche Antworten: Begegnungsräume, Unterstützung, Angebote, die leicht zugänglich sind. Der Psychiater und Bestsellerautor Manfred Spitzer spricht davon, dass chronische Einsamkeit die Todesursache Nr. 1 sei. Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem, dem wir durch gezielte Maßnahmen entgegentreten können. Neben aufsuchender Arbeit braucht es vor allem niederschwellige Möglichkeiten zur Begegnung. Das reicht von Bänken im Park bis hin zu unterschiedlichen Gruppenangeboten, von Architektur, die Begegnungen fördert, bis zu psychologischer Unterstützung.

Serke: Orte, an denen Begegnung einfach passiert. Und kleine Schritte: ein Gespräch, ein Anruf, eine Gruppe – das kann schon viel verändern.

Was hilft konkret, wenn jemand Hemmungen hat, auf andere zuzugehen?

Henze: Soziale Fähigkeiten kann man ein Leben lang weiterentwickeln. Niemand muss das allein schaffen. Rituale helfen auch – etwa regelmäßige Telefonate. Und natürlich: Angebote nutzen, die es vor Ort gibt.

Serke: Bewegung hilft ebenfalls. Ein Spaziergang bringt einen raus ins Leben. Und digitale Möglichkeiten werden immer wichtiger – sie eröffnen gerade bei eingeschränkter Mobilität neue Wege der Teilhabe. Besuchsdienste, Nachbarschaftsinitiativen, Vereine oder kirchliche Gruppen bieten strukturierte Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen – oft ohne großen Druck.

Einsamkeit wird gesellschaftlich meist als Problem gesehen. Sollte sich unser Blick darauf ändern?

Henze: Einsamkeit ist ein ernstes Problem – und bleibt es auch.

Serke: Aber sie kann zugleich eine Einladung sein: zur Selbstbegegnung und dazu, neue Verbindungen zu schaffen.

22.04.2026

Interview: Heribert Schlensok