Freudentränen, Luftballons und Hochzeitstorte - "Einfach heiraten" in der Michaeliskirche

Hildesheim, 26. Juni 2026

Ein besonderer Segen für die Liebe: Paare reisen auch von außerhalb an, um sich trauen zu lassen

Hildesheim. Ein großes pinkes Herz auf dem sonnenbeschienenen Platz vor der Michaeliskirche verkündet weithin sichtbar: Hier geht es heute um die Liebe – und ums Heiraten. Der Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt beteiligt sich an der deutschlandweiten Aktion der evangelischen Kirche „Einfach heiraten“ und hat dafür die Welterbekirche St. Michaelis als zentralen Ort ausgesucht. Hier können Paare sich ohne viel Vorbereitung kirchlich trauen lassen, wenn sie bereits standesamtlich verheiratet sind. Oder Paare holen sich einfach einen Segen für ihr Zusammensein.

Bevor es losgeht, liegt ein bisschen Anspannung in der Luft beim Vorbereitungsteam. Pastorin Elisabeth Kulus stellt noch ein paar weiße Herzen an den Wegesrändern auf; das Begrüßungszelt vor der Kirche braucht noch Deko aus Tüll. Im Gemeindesaal stehen die Kaffeetassen bereit, auch Sekt ist schon kaltgestellt. In einer Kühlvitrine warten kleine Hochzeitstorten, für jedes Paar eine. Auch eine Candy-Bar ist aufgebaut. Die Brautpaare müssen sich an diesem Tag um fast nichts selber kümmern, dürfen nur genießen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so groß wird“, sagt Pastorin Kulus, „die Termine in der Kirche waren schon vor einem Monat ausgebucht.“ Also hat das Vorbereitungsteam noch einen zweiten Trauort im Garten im Schatten großer Linden aufgebaut.

Der Zeitplan steht: Neben Pastorin Kulus aus der Lukasgemeinde gehören auch Pastor Dirk Woltmann von St. Michaelis, Pastorin Meike Magnussen aus der Paulusgemeinde, Pastor Florian Giesel von St. Andreas Harsum und Vikarin Nora Piepenschneider aus der Gemeinde Trinitatis sowie Lamberti-Pastor Peter Noß-Kolbe zum Team. 20 Paare haben sich angemeldet, 15 davon für eine Trauung. Es könnten aber auch noch Paare spontan dazukommen. „Manche kommen direkt von der Arbeit“, weiß Pastorin Kulus aus Telefonaten. Viele sind nur zu zweit, bringen keine Gäste mit. Trauzeugen, so Kulus, sind kein Muss.

Die ersten an diesem Tag sind Christian Gelderblom und Karoline Keese. Mit Pastorin Kulus ziehen sie in die mit Blumen und Luftballons geschmückte Kirche ein, begleitet von Hans-Jürgen Niemann am Klavier. Die Zeremonie ist nicht lang, aber persönlich, herzlich und feierlich. Das Brautpaar sieht glücklich aus.

Schon seit 2010 sind Christian Gelderblom und Karoline Keese verheiratet. Nach der standesamtlichen Trauung gab es damals auch ein großes Fest. Doch in der Patchwork-Familie war immer viel los, die kirchliche Trauung verblieb. Jetzt sind die Kinder groß, mit dem gerade bewältigten Umzug und der Sorge um die eigenen Eltern gibt es neue Themen in der Partnerschaft. Da kam der Wunsch auf, die Ehe noch einmal unter einen besonderen Segen zu stellen: „Damit die Kraft auch noch von woanders kommt, nicht nur aus uns selbst“, erklärt Karoline Keese. Die beiden wohnen in Flegessen bei Hameln, fühlen sich aber Hildesheim verbunden. Ab und zu besuchen sie die Stadt, um sich die Kirchen anzusehen, Shoppen zu gehen und Kaffee zu trinken. Darum wollten sie hier auch getraut werden.

Auch Jacqueline und Kaja Stürmer wohnen nicht in Hildesheim, haben aber eine Bindung an die Stadt. Glücklich kommen sie mit Pastorin Magnussen aus der Kirche: „Wir haben total viel geheult“, sagt Jacqueline Stürmer – Freudentränen natürlich. Standesamtlich geheiratet haben sie schon zehn Tage zuvor, am 26. Juni gab es im Rathaus keine Termine mehr – umso schöner, dass es mit der Kirche an diesem Wunschtermin geklappt hat.

Eigentlich wollten die beiden sich nur einen Segen abholen, sie wussten gar nicht, dass auch gleichgeschlechtliche Paare kirchlich getraut werden können. „Da haben wir uns noch mehr gefreut“, sagt Kaja Stürmer. Und dann auch noch in der Michaeliskirche, von der Jacqueline Stürmer schon im Studium so viel gehört hat – „unter dieser Deckenmalerei zu heiraten!“

Bis zum Abend wird es weiter Trauungen und Segnungen geben. Und es soll nicht das letzte Mal sein, dass Paare in der Kirche „Einfach heiraten“ können.  Wiebke Barth