Ostern beginnt am frühen Morgen. Am Übergang von der Dunkelheit ins Licht.
In aller Frühe kommen die Frauen zum Grab, so erzählt es die Bibel. Es ist der dritte Tag, nachdem Jesus gestorben war. Nachdem ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Ich versuche mir vorzustellen, wie den Frauen zumute ist auf dem Weg zum Grab. Ich kenne solche Wege. Man geht sie, weil man sie gehen muss. Nicht, weil man Hoffnung hat.
Am Grab dann Entsetzen: Es ist leer. Keine Osterfreude, sondern Erschrecken. Die Botschaft ist zu groß, um sie sofort zu fassen. Sie sprengt alle Erfahrung. Vielleicht braucht es deshalb den Engel. In der biblischen Tradition sind Engel keine Zierde, sondern Dolmetscher. Sie helfen uns, zu hören, was Gott sagt, wenn wir es selbst nicht verstehen. Das Grab ist leer. Jesus von Nazareth ist auferstanden. Ein Satz, der nicht sofort trägt. Der sich erst langsam erschließt.
Ostern erinnern wir an diesen ersten Moment am Grab, als Auferstehung zum ersten Mal greifbar wird – tastend, brüchig, noch ohne Worte, die alles erklären könnten. Vielleicht ist das entscheidend: dass der Glaube nicht mit fertiger Gewissheit beginnt. Sondern mit einem Hören. Mit einem Sich-Unterbrechen-Lassen. Mit einem ersten Schritt, der noch nicht weiß, wohin er führt.
Oft suche ich Klarheit, bevor ich mich bewege. Ich hätte gern Sicherheiten, bevor ich glaube. Ostern mutet mir das Gegenteil zu: zu gehen, bevor alles geklärt ist. Ins Licht.
Und während ich gehe, verändert sich etwas. Nicht sprunghaft, nicht spektakulär. Eher wie am Morgen, wenn das Licht langsam stärker wird und die Konturen meines Alltags neu sichtbar macht.
Ostern ist ein Prozess. Auferstehung heißt nicht, dass alles sofort gut ist. Sondern dass das Leben eine Richtung bekommt, die stärker ist als das, was wir für endgültig halten. Manchmal genügt das für den nächsten Schritt.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine frohe und gesegnete Osterzeit!
Pastorin Anke Garhammer-Paul
Stellv. Superintendentin