Drei Fragen an Autorin Helga Schubert über Leben, Erinnern und die Kunst des Älterwerdens / Lesung am Dienstag, 28. April 2026, 19 Uhr, St. Lamberti
1. Alter, Verlust und neue Perspektiven
Viele ältere Menschen erleben Verluste und Rückzug zugleich. Kann das Alter auch ein Ausgangspunkt für neue Beziehungen oder Sinnstiftung sein?
Helga Schubert:
Ich sehe das Alter eher als eine Zeit der Ernte. Auch ein Rückzug nach einem Verlust kann heilsam sein.
Wer im bisherigen Leben im Beruf und privat anderen Menschen und sich selbst gegenüber zuverlässig und wohlwollend war, wird auch im Alter – trotz körperlicher Schwäche und nachlassendem Gedächtnis – anderen Menschen vertrauensvoll begegnen. Das fördert neue Beziehungen, sei es in einer Seniorengruppe, im betreuten Wohnen oder im Kontakt mit Pflegekräften.
Im Alter wird es immer wichtiger, dankbar für Hilfe zu sein und sich gegenüber helfenden Menschen respektvoll zu verhalten.
Die Einsicht in eine Geborgenheit, die aus Gottvertrauen erwächst, kann altersweise machen – und zugleich andere Menschen wärmen und beruhigen.
2. Einsamkeit – Problem oder Möglichkeit?
Einsamkeit wird gesellschaftlich meist als Problem gesehen. Was müsste sich ändern, damit wir sie auch als Potenzial begreifen?
Helga Schubert:
Das Gefühl, einsam in der Welt zu sein, hat meiner Meinung nach nichts mit dem Lebensalter zu tun. Es lässt sich nicht einfach „bekämpfen“, weil es im Kern das Gegenteil von Vertrauen ist.
Vertrauen zu wagen erfordert Mut – sowohl für sich selbst als auch im Umgang mit anderen. Oft stehen dem viele Einwände entgegen: Man gilt als naiv, die Weltlage erscheint bedrückend, und es entsteht der Eindruck, ohnehin nichts verändern zu können.
Gerade die Lebenserfahrung und das historische Wissen älterer Menschen sollten als Schatz verstanden werden, der verloren gehen kann, wenn man ihn nicht nutzt.
Erzählen, Erinnerungen aufschreiben oder an Biografiekursen teilnehmen können Wege sein, der Entmutigung und wirklichen Einsamkeit entgegenzuwirken.
3. Die Kunst des Älterwerdens
Haben Sie einen Rat zum Älterwerden?
Helga Schubert:
Ich beginne den Tag, indem ich mir nach dem Aufwachen positive Sätze oder Gedanken sage.
Als ich meinen Mann zu Hause pflegte und oft sehr erschöpft war, half mir ein bestimmter Gedanke: Ich könnte der andere sein. Dann stellte ich mir seine Schmerzen, seine Atemnot und seine Hilflosigkeit vor. Dieser Perspektivwechsel hat mir über Jahre hinweg Kraft gegeben – bis zum nächsten Morgen.
Heute, nach seinem Tod, lebe ich allein in einem abgelegenen Dorf. Mein Gedanke ist nun: Danke, dass ich noch lebe und mich erinnern kann.
Mein ganzes Leben ist noch da – ebenso die Menschen, die mich begleitet haben, unabhängig davon, ob sie noch leben oder nicht.
Interview: Heribert Schlensok