Das Literaturhaus St. Jakobi hat neue Wege eingeschlagen: Erstmals wurde das Programm im Team zusammengestellt. „Es war ein inspirierender Prozess“, sagt Interims-Intendantin Maren Pfeiffer.
Nachdem Sarah Sophia Patzak im Sommer ihren Vertrag als Intendantin nicht verlängert hatte, übernahm Projektmanagerin Maren Pfeiffer die Leitung der Kulturkirche kommissarisch und schulterte damit die Aufgaben von vormals zwei Personen allein. Zwar ist mit Nina Göldner schon eine neue Intendantin gefunden, doch wenn sie im Januar 2026 ihr Amt antritt, muss das Programm für die zweite Hälfte der Spielzeit „Wachen“ längst feststehen.
„Ich sah diese Situation als Chance, Neues auszuprobieren und die Programmarbeit auf eine breitere Expertise zu stützen“, sagt Maren Pfeiffer, „und der Kirchenkreis als Träger hat mich dabei unterstützt.“ Sie holte auf Empfehlung ihrer Vorgängerin vier Mitglieder des Kollektivs „Irgendwie 248 Sachen“ an Bord, die sich in der Literatur- und Veranstaltungsszene auch überregional bereits einen Namen gemacht haben: Henrike Kloth, Thore Fahrenbach, Nitay Feigenbaum und Lena Beyer.
Offener Austausch und kollegiales Ringen
Alle kennen sich seit Jahren durch die erfolgreiche Kooperation des Literaturhauses mit dem Literatur-Kollektiv. „Wir sind ein junges, progressives, feministisches Team. Das merkt man auch am Umgang miteinander.“, sagt Maren Pfeiffer. Sie habe „den offenen Austausch und manches Ringen um die perfekte Besetzung als besonders kollegial und wohlwollend empfunden.“ Sie sei dankbar für das Vertrauen, das die Interims-Intendantin den Vieren entgegenbrachte, ergänzt Henrike Kloth. „Maren hat uns schnell in die Prozesse am Literaturhaus eingeführt und immer wieder wertvolles Feedback gegeben. Sie hat uns aufgezeigt, was in St. Jakobi seinen festen Platz hat, und wo Neues gedacht werden kann.“
„Uns war wichtig, nicht in unserer Nische zu bleiben, sondern eine Brücke zu schlagen vom eigenen Leseinteresse zu einem breiten Publikum“, erläutert Thore Fahrenbach den Ansatz der Programmgestaltung. Dem erklärten Anspruch des Literaturhauses, dem Hildesheimer Publikum Gegenwartsliteratur nahe zu bringen, wird das Programm wie immer gerecht: Sechs Bücher aus den Jahren 2022 bis 2025 und drei für 2026 angekündigte Neuerscheinungen werden mindestens vorgestellt.
Wachsam gegenüber rechtsextremistischen Kräften
Über den Themen-Schwerpunkt für das kommende Programm war sich das Team schnell einig, ebenso über den Bezug zum Spielzeit-Thema „Wachen“: Es gelte wachsam zu sein gegen starke rechtsextremistische Kräfte und Strukturen und deren Angriffe auf die Demokratie. Gleich zum Auftakt am 19. März geht es im Gespräch mit der Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Anna-Nicole Heinrich, um das Verhältnis von Kirche, Politik und Demokratie.
Hannah Lühmann schreibt in ihrem Roman „Heimat“, der im Sommer 2025 erschien, über schleichende Rechtsradikalisierung unter Frauen im bürgerlichen Milieu. Sie beschreibt, wie eine junge Mutter nach gescheiterter Karriere in den Bann einer „Tradwife“, die das traditionelle Frauenbild einer Mutter und Hausfrau propagiert, gezogen wird. Am 10. Juni spricht die Autorin im Literaturhaus St. Jakobi mit den Autorinnen Susanne Schirdewahn und Dita Zipfel sowie NDR-Kultur-Moderatorin Lisa Kreißler über Mutterschaft, weibliche Solidarität und falsche Verbündete
Elternsein und Geschlechterrollen
Das Elternsein spielt im Programm mehrfach eine Rolle, da sich darin Geschlechterrollen besonders deutlich abbilden. Aus zwei Perspektiven schildert das schreibende Paar Julia Weber und Heinz Helle die Zeit der Schwangerschaft und das erste Jahr als zweifache Eltern. In der Reihe „Gespräche über Männlichkeit“ unterhält sich Männlichkeitsforscher Toni Tholen am 1. Juli mit ihnen über ihre Romane „Die Vermengung“ und „Wellen“, die jeweils für sich, aber dennoch miteinander in Beziehung stehen.
Zum PROSANOVA-Festival für junge Literatur gibt es bei St. Jakobi einen Live-Podcast mit Hildesheim-Alumna und Kostümbildnerin Freya Herrmann und der Hildesheimer Konsumforscherin Dr. Vera Klocke. Inspiriert von der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft betrachten sie am 4. Mai die Selbst-Inszenierung digitaler Fitness-Trends flankiert von Lesungen unter anderem der diesjährigen Gewinnerin des Open Mike-Wettbewerbs Hannah Beckmann.
Die ukrainische Verlegerin und Übersetzerin Kateryna Mishchenko hält am 12. Mai die Poetikvorlesung über das Schreiben als widerständische Praxis vor dem Hintergrund des Angriffskrieges gegen ihr Heimatland. Zum Hildesheimer Debüt kommt am 27. Mai Kathrin Bach, die mit ihrem ersten Roman „Lebensversicherung“ schon auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Sie setzt sich auseinander mit der Sorge vor dem Ungewissen, der „German Angst“, gegen die jede Versicherung machtlos ist und unterhält sich mit ihrer Autorinnen-Kollegin Jelena Kern über das Studieren am Literaturinstitut in Hildesheim.
Beliebte und bewährte Formate
Als beliebte Termine im Literaturhaus kommen wieder die Begrüßung des Ostermorgens mit der „Priestess in Residence“ Birgit Mattausch und der St.-Lamberti-Gemeinde am 5. April. Danach öffnet vom 13. bis 24. April der Co-Writing-Space seine Türen und beim Blauen Salon Release im Juni werden erneut Texte von Masterstudierenden zu hören sein. Auch der Förderkreis lädt wieder zu einem gemeinsamen exklusiven Abend in die Kulturkirche ein.
Zum Finale der Spielzeit hat sich das Programmteam Verstärkung geholt: Die Lesereihe „Irgendwie 248 Sachen“ gastiert am 7. Juli, dem Tag des Freibades, mit einer Lesung zum Thema „Freischwimmen“. Pommes, Eis und Liegestühle inklusive. Gebührender kann das Bühnenbild der Spielzeit mit Sprungbrett, Bademeister-Ausguck und Duschkabine nicht verabschiedet werden.
Für einzelne Veranstaltungen sind bereits ab dem 20. Dezember Tickets zu haben - online auf st.jakobi.de, im Newsletter und auf Social Media. Wiebke Barth